30. MAI 2019



Verliebt in Berlin: Teil 1 - Die Mauer

 

Als am 09. November 1989 die Berliner Mauer fiel, war ich gerade mal 14 Jahre alt. Wir saßen mit meinen Eltern vor dem Fernseher und fieberten im ZDF der Liveübertragung entgegen. Auf dem Bildschirm erschienen Aufnahmen von Menschenströmen, die sich auf der Ostseite der Mauer lautstark und mit freudiger Erwartung Richtung Westen drängten. Und auch auf der Westseite warteten Abertausende und sehnten den Moment herbei, in dem sich endlich vereinigt, was schon immer hätte vereinigt sein sollen: ein Deutschland ohne Grenzen, ein Deutschland ohne die Mauer. Was mir seit diesem historisch denkwürdigen Tag nicht mehr aus dem Kopf will, sind die Bilder von all jenen, die damals einfach über die Mauer kletterten und sich von helfenden Händen aus dem Westen in die Freiheit herunterheben ließen. Menschen aus Ost und West, die sich vorher nie begegnet waren oder aber auch Familien, die aufgrund der Teilung Jahre, Jahrzehnte oder länger nichts mehr voneinander gehört und gesehen hatten, wurden ganz plötzlich wieder zusammengeführt, waren endlich frei und lagen sich plötzlich vor Freude weinend in den Armen.

 

 

Kurz nach der Wende beschlossen wir nach Berlin zu fahren, um uns ein eigenes Bild über das vereinte Deutschland zu  machen. Die Stadt war nunmehr nicht geteilt und die Mauer, die zwar noch in Abschnitten stand, war gefallen, endgültig. Grenzüberschreitungen waren überhaupt kein Problem mehr. Doch visuell gesehen, bestand Berlin immer noch aus zwei Teilen. Ost und West prägten ihr jeweiliges Stadtteilbild, das im Verhältnis zum jeweils anderen nicht extremer und kontrastreicher hätte sein können. Der reiche Westen, sehr geflegt, überschaubar und ästhetisch, stand im krassen Gegensatz zum kargen, graunen und trostlosen Osten, der mit Plattenbauten nur so übersäht war.

 


 

Genau 30 Jahre später bin ich wieder in Berlin unterwegs und komme vom Warschauer Platz an der Oberbaumbrücke vorbei und laufe direkt an der Ostseite auf die Berliner Mauer zu, die jetzt als "East Side Gallery" eine Art Open-Air Ausstellung beherbergt. 1.316 Meter lang ist der Streckenabschnitt der noch erhaltenen Mauer, an der 101 großformatige Bilder verschiedener Künstler verewigt wurden, die an den Fall der Mauer und insbesondere an die Überwindung des eisernen Vorhangs in Europa erinnern sollen.

 

Neugierig, wie ich bin, laufe ich den kompletten Abschnitt der bemalten Mauer ab und staune über die Diversität der zahlreichen Kunstwerke. Von dort zieht es mich weiter in Richtung Ostbahnhof, Alexanderplatz zum Hackeschen Markt. Ca. 6 Kilometer brauche ich, um vom Warschauer Platz in die Innenstadt zu gelangen. Danach bin ich auch ziemlich erschöpft, denn der recht lange Fußweg war bis auf die East-Side Gallery und den Holzmarkt, den ich durch Zufall auf meinem Weg in die Stadtmitte entdeckt hatte, wenig lohnenswert.

 

 

War der ausgedehnte Sightseeing-Trip nicht nur für die Füße, sondern auch für den Geist anstrengend, so nehme ich doch einen wichtigen Gedanken für mich mit: auch wenn die Mauer nur nur noch als Mahnmal und "Gedenktafel" daran erinnert, dass wir nie vergessen sollten, was uns Freiheit bedeutet und was sie uns wert sein sollte, so müssen wir uns selbst immer wieder daran erinnern. Die Grenzen um uns herum und ganz besonders in Berlin verschwimmen immer mehr. Nur noch dieses Stück Mauer warnt uns vor dem Wahnsinn der Ausgrenzung und des totalen Freiheitsentzugs. Lassen wir es in unseren Köpfen nie wieder zu, dass Freiheit ein Gut mit Seltenheitswert wird, denn allein der Gedanke, der in Köpfen Mauern entstehen lässt, bewirkt letztendlich, dass Mauern auch von Menschen errichtet werden.

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