Berlins künstlerisches Brennpunkt-viertel

20. JANUAR 2020 // by Nicole Hacke

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

die Bülowstraße - nicht nur ein kiez, sondern auch Kunst- und Streetart-Viertel

 

Als ich in der Bülowstraße aus der U-Bahn steige, schwant mir nichts Gutes. Was mich wohl in diesem Berliner Viertel erwarten wird? Schon von Weitem erkenne ich das bunte Treiben und die noch bunteren Geschäfte, die indiskret darauf hinweisen, dass ich mich ganz offensichtlich in einem Berliner Kiez befinde. Eine Aneinanderreihung orientalischer Geschäfte, hin und wieder ein deutscher Drogeriemarkt, aber ansonsten nur fremdes, ja befremdliches Terrain, auf dem ich mich eigentlich nicht bewegen sollte.


Beim Verlassen des U-Bahn Gebäudes sichte ich aus den Augenwinkeln am Treppenaufgang eine blutverschmierte Plastiktüte, die ein paar leere Spritzen enthält. Daneben liegen versiffte Klamotten. Ein gruseliger Anblick. Ja, ganz sicher ist auch das Berlin. Wo bin ich hier nur gelandet?


Tatsächlich ist die Bülowstraße ein Umschlagplatz für Drogen und Prostitution. Kein Ort also, an dem man als Frau alleine unterwegs sein sollte. Und noch weniger ein Ort, an dem man sich ein Hotel bucht, nur um möglichst zentral gelegen, in nur wenigen Minuten fußläufig zur Berliner Philharmonie zu gelangen.

 

fassadenfrohe Kunst mit tiefgang und ausdruckskraft

 

Nachdem sich mein anfänglicher Schockmoment verflüchtigt hat, überlege ich, von hier aus in Richtung Ku´damm zu laufen. Trostlose Häuserfronten und blassgraue Mietblöcke säumen meinen Weg, der sich scheinbar ewig bis zum Ku´damm zieht. Doch dann entdecke ich plötzlich das erste Graffiti an einer riesengroßen Hausfassade. Wow, denke ich. Eine junge Frau mit langen, leicht gewellten Haaren blickt mich aus großen, fragenden Augen an. Ein wenig traurig und hoffnungslos wirkt ihr Blick. Ich bleibe stehen und bestaune das in grau-schwarzen Farbnuancen aufgesprühte Kunstwerk.

 

Graffiti oder Street-Art: So nennt man die Kunst an Häuserfronten, Mauern und wo auch immer man Wände in der Öffentlichkeit fantasievoll besprühen kann. Und schon entdecke ich das nächste Kunstwerk. An einer Garageneinfahrt blicken mich mehrere Augenpaare, ethnisch unterschiedlicher Herkunft, fragend an. Daneben steht in altdeutschen Lettern aufgesprüht: „Vielfalt ist unser Reichtum“.

 

Das urban nation Museum - Anlaufstelle für KUnstliebhaber aus aller Welt

 

Es ist das Werk des Colectivo Lucuado aus Uruguay, das sich dem Weiblichen mit all seinen Facetten, sowie eben ethnischen und kulturellen Hintergründen verschreibt. Direkt gegenüber hat sich der Pop-Art Künstler Bustart aus der Schweiz verewigt. Mit einem Mural aus Comic Figuren, Berliner Motiven und Roy Lichtenstein Verschnitten, erstrahlt die Garageneinfahrt zu neuem Leben.


Besonders fasziniert bin ich von einem Porträt einer anmutend ätherisch, schönen jungen Frau, die in einem historischen Kleid aus edelstem Geschmeide, mit einem bunten Strauß Blumen im Haar auf mich herabblickt. Ihre obere Gesichtshälfte, rund um die Augenpartie, ist mit Eigelb ähnlicher Farbe ausgespart. Maskenhaft, fast geheimnisvoll wirkt das Antlitz. Verstörend nur die verlaufende gelbliche Farbe, die ihr die Wangen herunterläuft.

 

 

Ich bin so beeindruckt von all dieser prächtigen Kunst, dass ich beinahe schon vergesse, wo ich mich eigentlich befinde. 

 

Erst viel später lerne ich, dass die Bülowstraße schon lange nicht mehr nur ein Kiez für Drogen und Prostitution ist, sondern ein künstlerisch ernst zu nehmendes Viertel, das seit 2017 sogar ein Urban Nation Museum für Urban Contemporary Art beherbergt, dass ein Magnet für Kunstliebhaber der Street-Art aus aller Welt geworden ist.


Froh, etwas Einzigartiges in Berlin entdeckt zu haben, ziehe ich weiter bis zum Ku´damm und stelle dort ernüchtert fest, dass die Shoppingmeile für Besserverdiener auch nur eine Straße von vielen in Berlin ist  - und noch nicht mal eine künstlerisch veredelte!

 

Urban Nation

Museum for Urban Contemporary Art

Bülowstrasse 7

Berlin-Schöneberg

 

Website: www.urban-nation.com

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