aller guten täler sind mehrere - das stillachtal und das Rappenalptal

19. MÄRZ 2020

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Nicole Hacke / auf dem Weg ins Rappenalptal

Nachdem ich nun zwei der vielen Täler bei Oberstdorf durchquert habe, die in ihren landschaftlichen Reizen und Charakteristika unterschiedlicher nicht sein könnten, folge ich heute dem Talverlauf in Richtung Birgsau: ein kleiner Weiler, der inmitten einer lichtdurchfluteten Au gelegen, reizvolle Ausblicke auf gewaltige Bergmassive ermöglicht.


Erstmals 1619 als Siedlung erwähnt, zählt der idyllische Weiler gerade mal 2 Gasthäuser und etwa 10 bewohnte Anwesen. Durch schneebedeckte Weideflächen an der Marienkapelle vorbei, gabelt sich nach etwas 10- minütigem Fußmarsch der Weg und weist linker Hand in Richtung Einödsbach durch das Stillachtal. Die rechte Wegspur führt hingegen geradewegs in das parallel abzweigende Rappenalptal, das während der Sommermonate die Möglichkeit zu alpinen Klettertouren, unter anderem auf die Mindelheimer Hütte, die Enzianhütte und die Rappenseehütte bietet, von wo aus Letztere zu einer weiterführenden Gratwanderung über den Heilbronnerweg einlädt.


Ich entscheide mich vorerst, Einödsbach auf der linken Seite liegen zu lassen.

 

©Nicole Hacke / im Rappenalptal

Trotz des Warnhinweises vor Lawinengefahr, wähle ich den im Pulverschnee leicht geräumten Waldwanderweg zu meiner Rechten, der mich, stetig ansteigend und in Serpentinen verlaufend, immer höher hinauf in die dicht bewaldete Tannenwelt führt. Nach etwa 20 Minuten kontinuierlichem Anstieg gelange ich an den Waldsaum auf eine Lichtung, auf der mich ein breit ausgefahrener Panoramaweg in ein Winterwunderland aus schneebedeckten Hügellandschaften, Talsohlen und aussichtsreichen Panoramawelten lockt.


Beeindruckend majestätisch, ragen imposante Felsformationen vor mir auf und lassen mich minutenlang beinahe erstarrt vor Demut an Ort und Stelle verweilen. Der Tag ist himmlisch, der Himmel königsblau, der Schnee ein Kristallmeer aus porzellanfeiner Konsistenz, die sich wie aus einem einzigen Guss formschön über die schlafende Landschaft legt.


Vorbei an eingeschneiten Almhütten, verläuft der Weg nun wieder hinab in eine Talsenke, die von der Sonne durchflutet, einen malerischen Blick auf die rauschende Stillach und die umliegende erstarrte Schönheit der Bergwelt freilegt.

 

©Nicole Hacke / im Rappenalptal

Nach nur wenigen Minuten mündet der Pfad über freies Feld in einer bewaldeten Schlucht, die steil abfallend mehrere Meter tief in den gurgelnden Wassermassen der Stillach verschwindet. Die gut sichtbaren Fußstapfen, die sich im Schnee dicht am Abgrund abzeichnen, flößen mir ein wenig Respekt ein.


Im Sommer hätte der schmale Bergpfad keine besondere Herausforderung für mich dargestellt. Nur jetzt im Winter, auf vielleicht teils rutschigen, vereisten Stellen balancierend, könnte der kleine Ausflug durch die steile Schlucht zu einer Rutschpartie der unvergesslichen Art werden.


Achtsam und hellwach wage ich mich nun Schritt für Schritt und hochkonzentriert durch die Schlucht, immer darauf bedacht, vorsichtig zu sein. Noch ist der Schnee relativ griffig und bleibt es auch für den Großteil des zu bewältigenden Höhenabschnitts.

 

©Nicole Hacke / im Rappenalptal

©Nicole Hacke  / Durch die Stillachschlucht in Richtung Einödsbach

©Nicole Hacke / Rundwanderweg vom Rappenalptal über Einödsbach ins Stillachtal

In lauschiger Umgebung wandele ich stellenweise seiltänzelnd durch einen Zauberwald mit Höhenrausch. Über eine Hängebrücke, die tiefe Einblicke in die dramatisch, imposante Schlucht gibt, geht es hinüber auf die andere Seite. Nach einer letzten kurzen Etappe komme ich endlich in Einödsbach an.

 

Als die, auf 1113 Höhenmeter gelegene, südlichste Siedlung Deutschlands bekannt, zählt Einödsbach mit seiner geschichtsträchtigen Gastwirtschaft, der Kapelle St. Katharina aus dem 17. Jahrhundert und den Gipfeln der Mädelegabel und Trettachspitze zu einem der fotogensten Einzelsiedlungen der Alpen.


Der Gasthof Einödsbach ist eine Institution für sich, die auf eine 150-jährige Familiengeschichte zurückblicken kann und bereits in sechster Generation weitervererbt wurde. In weit über 50 Jahren hat sich, seitdem meine Eltern das erste Mal dort einkehrten, an der besonderen Qualität der angebotenen Speisen scheinbar nichts geändert. Alle Produkte sind regional und frisch zubereitet.


Die Butterspätzle, die ich dort zu meinen Kalbsbäcken gereicht bekomme, zergehen mir so samtig zart auf der Zunge, dass ich aus den Gaumenfreuden gar nicht mehr herauskomme.

 

©Nicole Hacke /  durch die Stillachschlucht nach Einödsbach

©Nicole Hacke / in Einödsbach unterhalb der Mädelegabel

Gut gesättigt und zufrieden trete ich den Rückweg nach Birgsau durch das Stillachtal an. Immer talabwärts auf breiter Forststraße in schattig bewaldeter Umgebung laufe ich fast wie von selbst in einer guten halben Stunde in die weitläufige Talsohle von Birgsau zurück.


Langsam fängt es an zu dämmern. Der letzte Bus bringt mich aus dem verwunschenen Tal zurück nach Oberstdorf. Als ob meine Talexpeditionen süchtig machen könnten, überlege ich mir noch heute, welches der unzähligen, von mir noch nicht entdeckten Täler ich noch erkunden kann.


Anscheinend bekomme ich von diesen faszinierenden Talwelten nicht genug. Warum auch? Soviel Schönheit, Zauber und Naturwunder muss ich einfach immer und immer wieder erleben.

 

©Nicole Hacke / malerisches Motiv in Einödsbach

Einkehr

 

Wenn Nostalgie greifbar sein könnte, dann würde man in der familiengeführten Gastwirtschaft in Einödsbach die Hand danach ausstrecken. Hier an diesem stillen, unaufgeregten Ort scheint alles noch so wie vor mehreren Jahrzehnten. Meine Eltern, die in den 50er Jahren immer herkamen, schwärmen noch heute von der hervorragenden Küche, die weit über die Grenzen des Stillachtals bekannt ist. Meine besondere Empfehlung: die selbst gemachten Kräuterspätzle probieren und ein Stück des Bratapfelkuchens, der einfach göttlich schmeckt.

 

©Nicole Hacke / Gasthof Einödsbach

 

Nähere Informationen zum Gasthof im Stillachtal unter:

www.einoedsbach.de 

 

Routenbeschreibung:

 

Wanderung von Birgsau ins Rappenalptal bis Einödsbach und zurück durch das Stillachtal nach Birgsau.

 

Länge: 10 km

Dauer: 2,5 - 3 Stunden

Lage: Tal

Höhenmeter: 200 - 300 m

 

Ausrüstung:

 

Funktionsbekleidung, Wanderschuhe, bei Bedarf und ausreichend Schneefall, Schneeschuhe, Rucksack, Proviant, Teleskopstöcke

 

 

Mit dem Bus vom ZOB in Oberstdorf geht es Richtung Fellhornbahn bis zum Haltepunkt Birgsau. Von dort startet die Wanderung in das Rappenalptal, dass zwischen Einödsbach, der südlichsten Siedlung Deutschlands, und dem Haldenwanger Eck gelegen ist. Durch verschneite Waldabschnitte geht es immer stetig bergan, bis sich am oberen Waldsaum ein breites Tal öffnet. Durch eine verschneite Bilderbuchlandschaft führt der breite, teils geräumte Weg bis zu einer Talsohle hinab zum Bachlauf der Stillach. Über eine schmale Brücke geht der Weg an einem ausgetretenen Wiesenhang weiter. Ein kurzer malerischer Abschnitt führt durch eine kleine Schlucht, die in Einödsbach mündet. Von dort steigt man immer moderat bergab zurück nach Birgsau

 

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