02. DEZEMBER 2019



Liebe zwischen den Kulturen: die etwas andere Reise!

 

Mein Junge, sie isst kein Lamm! So oder so ähnlich könnte der Romantitel zu meiner griechischen Liebe mit Hindernissen lauten, denn ich bin Deutsche und somit für griechische Verhältnisse ein nicht kalkulierbares Risiko. Ich fiel von Anfang an durch das Raster der mustergültigen Schwiegertochter, denn ich verweigerte mich vehement dem Konsum von Lämmern, nörgelte pauschal an allem rum, was nicht der deutschen Ordnung, Pünktlichkeit und Struktur entsprach, und war auch sonst nicht sonderlich angetan von der Art und Weise, wie man es in Griechenland verstand, das Leben zu genießen, plan- und ein wenig ziellos, einfach so in den Tag hinein lebend. So war es auch kaum verwunderlich, dass die erste Begegnung mit meiner Schwiegermutter in spe nicht den erwarteten positiven Aha-Effekt auslöste.

 

Warum musste es unbedingt eine Deutsche sein?

 

Ich verstand zwar in dem Moment kein einziges Wort griechisch, dennoch konnte ich anhand der laut gestikulierenden Art und der sehr aussagekräftigen Mimik, deutliche Aufgekratztheit und eine leise Enttäuschung spüren. Die darauf folgende beklemmende Wortkargheit, getoppt nur noch von der aufgesetzten, eher angestrengten Höflichkeit taten ihr Übriges, um mich am liebsten gleich wieder auf und davon zu machen. Doch ich hielt durch: chaotische, nervenaufreibende, irrationale, reibungsintensive, unstrukturierte, diskussionsreiche, aber wahnsinnig erlebnisreiche, spannungsgeladene, aufschlussreiche, lehrreiche, spontane, revolutionäre und zum Pferde stehlen herrliche 17 Jahre lang. Tatsächlich wurde mir in all der Zeit auch nie nur einen Tag wirklich langweilig.

 

 

Dafür steckt in der impulsiven Art der Griechen einfach viel zu viel Spontanität, als dass es jemals nur im Ansatz strukturiert, planvoll und eben langweilig werden könnte. Doch ich brauchte lange, um mich an den Rhythmus, die Lebensart und die Mentalität zu gewöhnen. Auch die Sprunghaftigkeit, Pläne innerhalb kürzester Zeit über den Haufen zu schmeißen, sich spontan von jetzt auf gleich umzuentscheiden, sich überhaupt an keinen Plan zu halten, da es den auch gar nicht gibt, verlangten mir in den ersten Jahren viel Geduld, Verständnis, Durchhaltevermögen und interkulturelle Kompetenz ab.

 

Doch den größten Respekt flößte mir in der ersten Zeit (und wohl auch noch bis heute) meiner griechischen Beziehung die wohl mächtigste Seilschaft Griechenlands ein: nämlich die Familie!

 

 

Ja, die Familie in Griechenland ist, wie in vielen anderen südeuropäischen Ländern, eine starke Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt, umsorgt, füreinander da ist, streitet, bis die Fetzen fliegen, sich wieder versöhnt und in größter Not zusammen hält, egal, was auch immer passiert. Ohne sie ist man verloren, einsam und ein Nichts für die Gesellschaft. Und wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt raus, rigoros. Und ja, es gibt sie tatsächlich noch, die ungeschriebenen Gesetze und Verhaltenskodexe innerhalb der Familienstruktur, an die man sich stringent zu halten hat. Für Außenstehende ist das nicht immer leicht zu durchschauen. Deshalb tut man auch besser daran, den prekären Themen, die Familie betreffend, vornehm und mit aller Zurückhaltung zu entsagen. Am besten ist es jedoch, wenn man die Landessprache erst gar nicht spricht. Dann wird man geliebt und ist allseits respektiert. Die Verständigung läuft zwar auf Sparmodus, ist aber umso intensiver, als das Gestik und Mimik auf das Herzlichste zum Einsatz kommen. Ein Streit kann somit gar nicht erst vom Zaun gebrochen werden.

 

Womit wir bereits mitten beim Thema wären.

 

Denn die Streitkultur wird in Griechenland fürsorglich gehegt und gepflegt. Mit aller Regelmäßigkeit habe ich es erlebt, wie die kleinsten Belanglosigkeiten Zündholz für eine groß angelegte Diskussion wurden. Da wurde dann mal eben so aus einer altersschwachen Mücke ein übergroßer Elefant gemacht. Hauptsache es kam mal wieder so richtig Schwung in die träge Familiensippschaft. Wer sich eben gerade noch entspannt zurückgelehnt hatte, wurde aus seiner Komfortzone aufgescheucht und zum Streithahn animiert. Am Ende, so durfte ich es immer und immer wieder erleben, lagen sich dann plötzlich alle wieder lachend und laut schwadronierend in den Armen, so als ob überhaupt nichts gewesen wäre. Wie von Zauberhand weggefegt war auf einmal der Streit! Diese Form der Theatralik geht mir ehrlicherweise gänzlich ab. Es ist zwar eindeutig belustigend, wenn man nur Mäuschen spielt und sich das Spektakel von außen betrachtet, aber umso anstrengender und nervenaufreibender, wenn man selbst zum Spielball hochkochender, streitgewaltiger Emotionen wird.

 

 

Da freue ich mich doch vielmehr auf einen harmonisch verlaufenden Abend, an dem alle Familienmitglieder beim Essen zusammensitzen, lautstark und impulsiv vor sich hin schwafeln und einfach nur fröhlich sind. Für mich sind das wahrhaft die schönsten Momente, die mir meine griechische Familie schenken kann. Nichts gibt mir dann mehr Geborgenheit, Halt und ein echtes Zugehörigkeitsgefühl, als inmitten meiner lachenden, fröhlichen und lebensbejahenden griechischen Verwandtschaft zu verbringen, für die ich zwar immer „ die Deutsche“ bleiben werde, aber immerhin, die beste Ausbeute für griechische Verhältnisse darstelle und somit nicht nur Akzeptanz erfahre, sondern auch einen Platz in ihrer Mitte zugewiesen bekomme - und das, wenn es gut läuft, für immer!

 

Auch wenn es mühsam und nicht immer leicht ist, die interkulturellen Differenzen zu überwinden, die Sprachbarrieren auszuloten und die traditionellen Gepflogenheiten anzunehmen, so empfinde ich das Spannungsfeld innerhalb dieser unterschiedlichen Kulturen als positive Herausforderung, auch mal an mir selbst zu arbeiten, mich, meine Werte, meine Herkunft und meine Lebensweise kritisch zu hinterfragen, zu verstehen, dass nicht die eine oder andere Kulturform die Richtige ist, sondern dass gerade die Mischung oder sogar Vermischung zweier Kulturen jeweils die andere bereichern kann und zu guter Letzt das allerbeste aus einem herausholt und zutage fördert.

 

 

Ich kann zwar mit Gewissheit sagen, dass aus mir keine Griechin geworden ist. Auch bin ich ganz bestimmt nicht zu 100 Prozent von der griechischen Lebensweise überzeugt. Dennoch sehne ich mich nach den Menschen, die so anders sind, so entspannt, scheinbar entschleunigt ihren Alltag meistern und irgendwie auch das bessere Leben führen, ganz einfach, weil sie im "Jetzt und Hier", in der Sekunde Leben und weil alles, was sie tun, so offensichtlich von und aus dem Herzen kommt.

 

Schon als Kind habe ich ständig vom Süden geträumt, von freundlichen Menschen, dem herzlichen Miteinander und einer übersprudelnden Lebendigkeit, die nirgendwo sonst auf der Welt zu finden ist. Und letztendlich habe ich bekommen, was ich mir immer gewünscht hatte! Aber dafür musste ich kämpfen, meinen inneren Widerstand brechen, mich den neuen Erfahrungen hingeben und Veränderung zulassen. Das war oft eine Zerreißprobe, verbunden mit dem ständigen Reflektieren und Hinterfragen der eigenen Handlungen und Gewohnheiten.

 

 

Ein besserer oder gar transformierter Mensch bin ich durch diesen Reichtum an interkulturellen Erfahrungen sicherlich nicht geworden. Aber ein sehr viel Glücklicherer, denn ich lebe mal in der einen, mal in der anderen Kultur und kann mich mittlerweile in jeder parkettsicher bewegen. Ich habe das große Privileg zwei Welten mein Zuhause zu nennen, zwei Kulturen ausleben und mir eine weitere Mentalität zu eigen machen zu dürfen. Das ist so viel mehr, als manch einer von seinen weltenbummlerischen Reisen mit nach Hause bringt, denn emotional bin ich sowohl in Deutschland als auch in Griechenland beheimatet - und das inzwischen ganz selbstverständlich.

 

Auch wenn es nicht immer leicht ist, die Extreme beider Kulturen miteinander in Einklang zu bringen, so durchbricht die von Aufrichtigkeit, gegenseitiger Toleranz und Wertschätzung geprägte Liebe alle Schranken und vermeintlichen Hindernisse. Nur muss man selbst die Offenheit dafür aufbringen, um sich auf die Andersartigkeit einer fremden Kultur einzulassen. Man muss ihr am Ende des Tages lediglich respektvoll und wertschätzend begegnen können. Dann klappt es auch mit den Menschen und dem offenen integrativen Miteinander!

 

Eure