19. JANUAR 2020



eine reise in vergangenheit und gegenwart - ein vergleich!

 

Früher war alles anders! Den Spruch habe ich oft von meinen Eltern gehört. Und ganz sicher hat er seine Daseinsberechtigung, denn früher rasten die Menschen nicht so gehetzt durch ihren Alltag, früher nahmen sie sich Zeit füreinander, reicherten ihr Leben mit freudvollen Vergnügungen an, anstatt in zu viel materiellen Überfluss einzutauchen. Früher war auch das Reisen eine gänzlich andere Erfahrung.

 

Nur was hat sich im Vergleich zu heute so drastisch daran geändert?


Als meine Mutter ein kleines Mädchen war, kannte sie nicht viel mehr als den Bauernhof, auf dem sie aufwuchs, die Kühe versorgte und auf dem Acker mithalf, um die Ernte einzutragen. Sie musste schon als junge Frau schwer arbeiten, um für den Erhalt der Familie beizutragen. Es gab nur wenige Ereignisse im Jahr, die sie als besonders freudvoll erlebte. Eines davon war die Fahrt über Land mit der Pferdekutsche.


Einmal im Jahr durfte meine Mutter mit ihrem Großvater die Verwandtschaft in der näheren Umgebung besuchen. Da es zu der Zeit noch nicht so viele Automobile gab und sich die Mehrheit der Bevölkerung so ein Vehikel auch gar nicht leisten konnte, schon gar nicht die Bauern, fuhren sie gerade mal mit 2 PS über die Dörfer und brauchten mehrere Tage, um allen Familienmitgliedern einen Besuch abzustatten.

Eine Reise im klassischen Sinne war das sicherlich nicht, denn kurz mal mit dem Auto 30 Kilometer von Ort A nach Ort B zurückzulegen, ist heutzutage ein Klacks und keine Reise mehr. Damals aber war es für die Menschen, die noch nie aus ihrem Dorf heraus gekommen waren so viel mehr als eine Reise. Es war tatsächlich ein kleines Abenteuer. Unvorstellbar, oder?


Denkt man nicht ganz so weit zurück, sondern stellt einfach nur einen Vergleich an, wie man als Kind mit seinen Eltern gereist ist und was es heute bedeutet auf Reisen zu gehen, wird man feststellen, das es immer noch gravierende Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart gibt, auch wenn die zeitliche Kluft dazwischen gar nicht so wahnsinnig groß ist.

 

1. (An)Reisen dauerten früher deutlich länger, Urlaube auch.


Wir fuhren immer mit dem PKW vom Norden Deutschlands in den tiefsten Süden des Landes. Sieben bis acht Stunden brauchten wir, um an unserem Zielort anzukommen. Heute wäre man in dieser Zeit schon längst über einen Ozean in ein exotisches Land geflogen. Dabei urlaubten wir in den Sommerferien immer ganze sechs Wochen am Stück. Drei Wochen bildeten in der Regel den allgemeinen Durchschnitt. Niemand reiste zu der Zeit nur für ein paar Tage oder maximal eine Woche in die Berge oder anderswohin.


Heute ist das Gang und Gebe. Zwei Wochen sind da schon viel. Bleibt man dann sogar mal drei Wochen an einem Ort hängen, wird man von den Einheimischen bereits fragend angeschaut, vom Arbeitgeber sowieso. Kaum einer beherbergt heute Gäste für einen so langen Zeitraum. Der Bettenwechsel findet fast so regelmäßig statt, wie das tägliche Wechseln der eigenen Unterhosen

 

2. Stichwort Tourismus


Innerhalb Deutschlands reisten überwiegend Deutsche. Von Internationalität war in den 80 ger Jahren noch keine Rede. Sprach man in Bayern Englisch? Die einzige Fremdsprache, die mir dort immer zu Ohren kam, war der bayerische Dialekt und der war schon sehr fremd für mich.


Heute ist die Alpenregion bunt durchmischt mit Russen, Arabern, Amerikanern, Chinesen und Europäern. Englisch gehört mittlerweile zum fließend gesprochenen Standard, so wie die gezutzelte Weißwurst zu einem anständigen bayerischen Frühstück auch immer dazugehört. Nichts verwundert einen mehr bei den Massenansammlungen von Touristen aus aller Welt.

 

Apropos Massen! Diese überschwemmen die Urlaubsregionen immer häufiger. Früher brauchte man nirgendwo Schlange stehen. Man kam sofort und überall in die Museen, Schlösser und Seilbahnen hinein.


Heute wandert man lieber vier Stunden zu Fuß auf das Nebelhorn, anstatt 2 Stunden bei brütender Hitze an der Talseilbahn anzustehen. Viel zu müßig ist das Geschiebe und Gedränge.

 

3. Reiseplanung

 

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals eine Reise vorab akribisch geplant oder ausgearbeitet hätten. Wir fuhren immer auf blauen Dunst los und ließen uns von den Einheimischen Wandertipps und Ausflugsziele geben. Das ersetzte praktischerweise den bebilderten Reiseführer, denn schöne Eindrücke bekam man live und unplugged vor Ort, die Empfehlungen durch einen Ortskundigen konnte sowieso kein Reiseführer überbieten.


Heute verlässt man sich nicht mehr auf den Überraschungsmoment. Man muss bereits vorab wissen, wie es am Reiseziel aussieht, was man dort alles erleben und unternehmen kann. Internet sei Dank, sind diese Informationen in Bildern und Worten sofort und zu jeder Zeit verfügbar und abrufbar. Es gibt also kein Vertun mehr und grundsätzlich auch keine unangenehmen Überraschungen. Wie unspektakulär und langweilig!

 

4. Unterkünfte buchen


Auch Unterkünfte recherchiert man mittlerweile lange im voraus. Das Überangebot in den Internetforen und auf privaten Anbieterseiten übersteigt das Maß aller Dinge. Es gibt zu viel, von allem und manchmal weiß man schon gar nicht mehr, was man eigentlich will. Von luxuriös bis originell, zweckmäßig oder doch komfortabel und schick. Es gibt nichts, was es eben nicht gibt. Die Wahl wird zur Qual. Nur der Geldbeutel bestimmt irgendwann doch die Richtung.


Früher war es leicht. Man stieg einfach in den Zug oder ins Auto, fuhr los, kam irgendwo an und hielt einfach Ausschau nach freien Zimmern. Dort, wo es einem gefiel, ließ man sich für die Ferienzeit nieder und meckerte selten über Einrichtung, Komfort oder gar Service. Die Auswahl war auch längst nicht so groß, als das man hätte Vergleiche anstellen können. Und wahrscheinlich war man auch deutlich genügsamer und somit zufriedener, mit dem, was man hatte.

 

5. Analoge Fotografie


Habt ihr auch noch Filme in das Kameragehäuse einlegen müssen. Es gab sie immer in 14, 26 oder 36 Bildern zu erwerben. Sparsam musste man damit umgehen, denn auch ein Film mit 36 Bildern war schnell verschossen und eigentlich musste dieser für die gesamte Zeit des Urlaubs eingeteilt werden und somit reichen.


36 Bilder für einen zweiwöchigen Urlaub! Heute undenkbar. Seit dem Zeitalter der Digitalisierung ist das keine Option mehr. Man knipst so viele Fotos, wie nur möglich. Gerne macht man auch schon mal von einem Motiv gleich mehrere Aufnahmen, damit man sichergehen kann, dass ein gutes Foto dabei rum kommt. Alle anderen kann man schließlich schnell wieder löschen.

 

6. Ausrüstung & Reiseklamotten


Je nachdem, wo man hinfuhr, brauchte man entsprechende Urlaubsbekleidung. Wir hatten damals noch nicht mal eine richtige Wanderausrüstung dabei, obwohl wir häufig Gipfeltouren machten, einmal sogar von der Zugspitze ins Österreichische abstiegen. Nichtsdestotrotz reichten die Pumaturnschuhe völlig aus. Dazu trug man T-Shirt und Jeans oder sogar Shorts. Und Voila, fertig war das alpine Outfit, das nicht wirklich eines war. Nur die Kniebundhosen, die meine Eltern trugen, entsprachen zumindest dem dazumal gängigen Standard einer halbwegs ordentlichen Wanderkluft.


Seitdem Wandern vor mehr als einem Jahrzehnt wieder zum Trendsport auserkoren wurde, gibt es eine Vielzahl an Sportbekleidungsgeschäften, Wanderausrüstern, die Funktionswear in allen erdenklichen Farben, Formen und Materialien anbieten. Am besten natürlich atmungsaktiv, wasserfest und für jeden sportiven Anlass geeignet. Wer was auf sich hält, der kleidet sich dem Trend gemäß. Und sicherlich haben die heutigen Materialien einen klaren Vorteil, sie sind leicht, flexibel und funktionstüchtig, was im Berg unerlässlich ist, ganz zu Schweigen von dem richtigen Paar Wanderschuhe.

Aber muss man glich gestylt sein, wie ein Modell?

 

Früher war tatsächlich alles anders, heute auch. 


Nur wer ist besser in der Welt umhergereist. Unsere Eltern oder wir?

 

Fest steht, dass der Kosmos, in dem unsere Ahnen lebten, ein kleinerer war. Begrenzte Möglichkeiten, weniger Auswahl, weniger Konsum insgesamt, machten die Entscheidung für ein Reiseziel deutlich leichter und unkomplizierter als heute. Die jetzige Generation, die alles haben kann und will, macht es sich im Gegenzug oftmals schwer.


Die Welt ist kleiner geworden, die Distanzen schneller zu überbrücken, die Globalisierung eine Chance des Austauschs und der Welteroberung. Da möchte man natürlich möglichst viel vom großen Kuchen abhaben. Das kann unter Umständen zu Frust und Unzufriedenheit führen, denn alles auf der Welt wird man niemals zu Gesicht bekommen.


„The fear of missing out“, kurz FOMO genannt, ist das Phänomen unserer Zeit. Wir wollen nichts im Leben verpassen, alles mitnehmen, was uns über den Weg läuft und müssen daher alles planen, auf die letzte Sekunde durchtakten, damit wir wirklich nichts, aber auch gar nichts verpassen.

 

Ich habe mittlerweile gelernt, dass genau das Verpassen, das sich Treiben lassen eine Reise so richtig erlebnisreich werden lässt. Gerade die unvorhersehbaren Ereignisse, die manchmal auch den Tagesablauf stören, bereichern mich ungemein. Denn alles, was nicht nach Plan läuft, ist das Leben, ist das Abenteuer, ist genau das, was Spaß macht. Und genau das, wollen wir doch eigentlich alle erleben. Es soll doch immer spannend, aufregend und abenteuerlich sein. Wir wollen von Superlativen erzählen, wenn wir aus dem Urlaub zurück kommen. Nur kann man solche Superlativen nicht planen.

 

Denn mit einem Plan läuft man mit Scheuklappen durch die Welt und sieht womöglich nicht die wirklich interessanten, schönen Dinge des Lebens. Man übersieht sie einfach, weil man ja einen Plan zu erfüllen und ansonsten keine Augen für irgendetwas anderes übrig hat. Für mich ist das sehr uninspiriertend und langweilig.


Daher praktiziere ich im Urlaub oder auch auf meinen Kurzreisen meistens die Pferdekutschen- Mentalität. Ich lasse mich treiben, schaue zu, wo mich die Fahrt über Land hinbringt, beobachte, was um ich herum passiert, sauge einfach alle Eindrücke in mich auf und genieße. Mehr nicht! Am Ende des Tages werde ich sicherlich großartiges erlebt haben, wovon ich anfangs sicherlich nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

 

Dennoch buche auch ich mein Hotel, meinen Flug oder die Zugverbindung vorab. Da bin ich ganz modern und fortschrittlich unterwegs.


Wie reist man denn nun optimal durch die Welt?


Für mich ist der goldene Mittelweg aus Früher und Heute die optimale Lösung. Ich reise nach dem unvoreingenommenen Slow-Travel Prinzip, ignoriere das FOMO-Phänomen und profitiere von den schier unbegrenzten Möglichkeiten der Digitalisierung. So und nur so reise ich und bin damit zufrieden und glücklich.

 

 

Eure