10. JUNI 2019



Das Oxymoron in Berlin

 

Geht Euch das auch so, wenn ihr in einer neuen Stadt so völlig fremd seid und nach einer anstrengenden Sightseeing-Tour nicht genau wisst, wo man gut, aber auch einigermaßen bezahlbar Essen gehen kann? Dann wisst ihr genau, was ich meine. Jedes Mal, wenn ich irgendwo neu bin, der Orientierung noch nicht ganz "Herr", dann suche ich oftmals verzweifelt nach dem einen, wirklich richtig guten Lokal. Nicht immer will sich dann der Erfolg sofort einstellen. Viele Pleiten sind mir bei meinen spontanen Restaurantbesuchen schon passiert. Aber was soll´s. Eine Prinzessin muss halt auch viele Frösche küssen, bis am Ende ein Prinz für sie dabei herausspringt.

 

 

In Berlin hatte ich da verhältnismäßig viel Glück, nämlich, als ich vor einiger Zeit bei meinem bevorzugten Besuch der Hackeschen Höfe auf das Restaurant Oxymoron stieß. Nicht wissend, was mich von der Qualität der Speisen erwarten würde, betrat ich das Lokal rein intuitiv, denn mir gefiel auf Anhieb das wunderschöne Interieur. Wie aus einer anderen Zeit, vielleicht ein wenig verstaubt, aber sehr stilvoll, fühlte ich mich schon auf der Türschwelle des Restaurants, angekommen. Von weißen, steif gemangelten Tischtüchern lächelten mir hochglanzpolierte Weingläser und ebenso glänzendes Silberbesteck entgegen. Fein und exquisit, das war gleich mein erster Eindruck - und der entscheidet bei mir schon in den ersten Sekunden, ob top oder flop!

 


 

Tief beeindruckt und schier gefangen in einer so entrückten Welt aus plüschigen Sofainseln, gold tapezierten Wänden und dem gewissen Hauch von Vergangenheit, suchte ich mir einen Tisch in einer gemütlichen, zurückgezogenen Ecke und blätterte in der Speisekarte nach der Menüauswahl. Und siehe da, eine sehr gut durchdachte übersichtliche Zusammenstellung an deutschen Spezialitäten, mit dem gewissen modernen Twist, machte mich sogleich hungrig auf mehr. Da ich direkt in der Mittagszeit dort aufschlug, gab es sogar die Wahl zwischen einem 2 oder 3 Gänge Menü zu einem unschlagbaren Preis - und ,wie ich im Nachhinein feststellen musste, Leistungsverhältnis.

 


 

Definitiv ist das Oxymoron eine und mehrere Empfehlungen wert. Das Personal ist sehr zuvorkommend und freundlich, die Zutaten der Speisen sind regional und frisch zubereitet. Selbst die Sauce Hollandaise, die ich zu einem Spargelgericht gereicht bekam, war so ausgezeichnet, dass ich es mir nicht nehmen ließ, dem Küchenchef meine besten Wünsche ausrichten zu lassen. Selbstverständlich selbstgemacht war die Hollandaise, was in der Mehrzahl vieler vergleichbarer Restaurants nicht notwendigerweise Gang und Gebe ist. Im Oxymoron schon!

 


 

Nach gefühlten drei Stunden, die ich staunend, zufrieden und gut gesättigt in den weich gepolsterten Untiefen meiner äußerst bequemen Sitzgelegenheit verbrachte, machte ich mich langsam wieder auf den Weg ins bunte Treiben von Berlin, nicht aber, ohne vorher den Kellner nochmals neugierig nach der Historie des Restaurants zu befragen. Und siehe da, mit der Vergangenheit lag ich ganz offensichtlich auch nicht falsch. Das Oxymoron entstand in den 20iger Jahren und wurde erstmals als marokkanisches Lokal geführt, während des zweiten Weltkrieges dann geschlossen und zum großen Glück zum Leben wiedererweckt. Dabei ist von dem ursprünglichen Charme, den dieser geschichtsträchtige Ort versprüht,  nichts verblasst. Bei manchen Gästen hat man sogar den Eindruck, sie wären in den 20iger Jahren stecken geblieben, so originell wirkt die Kleidung, die sie im Stil der 20iger Jahre am Leib tragen. Aber dann handelt es sich wohl eher um eine Schauspieler-Cast, die bloß eine kleine Pause im Oxymoron einlegt.

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