01. JUNI 2019



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Neuinszenierung: Tosca Opera Bastille


 

Als es vor einer Woche hieß, Jonas Kaufmann würde aufgrund seiner stimmlichen Indisposition auch nicht am 1. Juni 2019 in der Neuinszenierung der Tosca in Paris mitwirken können, war ich zutiefst enttäuscht, ließ mich aber dennoch nicht davon abhalten, mir diese bezaubernde Oper von Puccini in Paris entgehen zu lassen, egal, wer auch immer die Rolle des Mario Caravadossi an seiner statt ausfüllen würde.

 

Puccini´s Tosca ist eine der melodisch schönsten und dramatisch spannendsten Opern, die es im Universum der klassischen Schauspiele gibt. Zwei Männer kämpfen, wie könnte es anders sein, um die Gunst und Liebe einer Frau: Floria Tosca. Der eine, Scarpia: mächtiger Polizeidirektor von Rom. Der Andere: Mario Cavaradossi, ein bürgerlicher Maler. Doch Floria Tosca hat nur Augen für ihren Mario, den sie innig und leidenschaftlich liebt. Scarpia der krankhaft verrückt vor Liebe nach Floria ist, kämpft mit unlauteren Mitteln darum, ihr Herz, wenn auch mit Gewalt, zu erobern.

 

Als es ihm letztendlich gelingt, Cavaradossi zu überführen, der wiederum dem Häftling Angelotti verbotenerweise Beihilfe zur Flucht leistet,  wähnt er sich bei Floria Tosca am Ziel seiner unerfüllten Träume. Scarpia droht Cavaradossi erschießen zu lassen, sollte Floria ihn die Liebesgunst nicht erweisen. Doch rechnet er nicht mit der Macht der Liebe, die Floria zu allen Schreckenstaten antreibt. Sich gegen die unerwünschten Avancen und erotischen Attacken Scarpias wehrend, ersticht sie ihn brutal, nicht aber ohne vorab das schriftliche Versprechen Scarpia´s, Cavaradossi am Leben zu lassen, einzuholen.

 

Doch das Schicksal will es anders und stellt Cavaradossi vor das Schießkommando, eine Inszenierung, wie Floria und Mario glauben. Doch ihr Geliebter wird erschossen. Verzweifelt und ohne Hoffnung auf ein Leben ohne Mario stürzt sie sich am Ende von der Engelsburg in den Tod - und so sterben sie alle drei: Scarpia, Cavaradossi und Tosca.

 

 

Keiner bleibt am Leben. Dramatischer ist keine andere Oper Puccini´s. Und auch nicht so leidenschaftlich leidvoll.

 

Als vor Beginn der Vorstellung der Intendant der Opera Bastille verkündete, die Sopranistin Sonya Yoncheva würde kurzfristig ausfallen und durch die Sopranistin Elena Stikhina ersetzt, ging ein Toben und Buhen durch das gesamte Opernhaus. Lautstark und johlend meldeten sich die nicht bangen Franzosen zu Wort. Kaum das man die Ansage des Intendanten verstehen konnte, flüchtete er  bereits eilig von der Bühne und überließ dem Dirigenten Dan Ettinger seinem Orchester, seinem Tacktstock und dem noch aufgeregten Publikum. Doch dann wurde es still und die Musik setzte ein.

 

Wundersame, klare und perlende Klänge machten den Auftakt und ich muss gestehen, so einen Orchesterklang hatte ich bis zu diesem Abend noch nie in der Form vernommen. Keine Analogie in der orchestralen Symphonik. Alle Musikinstrumente, die in gleichförmiger Lautstärke regulärerweise in dem gemeintschaftlichen Klang miteinander verschmelzen, schienen an diesem Abend jedes für sich eine Autonomie zu entwickeln und ein klangliches Alleinstellungsmerkmal vorzuweisen. Man konnte schlicht jeden einzelen Ton jedes einzelnen Instrumentes vernehmen. Glockenklar und rein das Klangbild der jeweiligen Instrumentengruppen.

 

Noch deutlicher kam dies am Anfang des 3. Aktes zum Ausdruck, als das Kirchenglockengeläut einsetzte. So viel Dreidimensionalität im orchestralen Klang war mir noch nie untergekommen. Ich hatte das Gefühl, die Glocken aus einer 180 Grad Umdrehung wahrzunehmen. Aus allen Ecken und Winkeln drang das Geläut, mal lauter, maler leiser, an mein Ohr. Ein absolutes Erlebnis der anderen Art.

 

Mehr noch überraschte die Sopranistin Elena Stikhina mit ihrer engelsgleichen, gebirgsbachklaren Stimme. Hohe Passagen nahm sie mühelos, mit Leichtigkeit und tiefen Gefühlen. Schauspielerisch überzeugte sie gleichermaßen, war sie doch für die Rolle gar nicht vorgesehen und kurzfristig einen Tag vor Veranstaltungsbeginn angereist.

 

Auch Scarpia der von Luca Salsi interpretiert wurde, war stimmlich fantastisch und schauspielerisch überzeugend diabolisch. Nur einer fehlte ganz besonders in dem gesanglichen Trio, auch wenn seine Rolle eher klein und zweitranrig hinter der von Tosca geblieben wäre. Jonas Kaufmann! Schade, das er nicht singen konnte und durfte. Es wäre eine zauberhafte, schier unvergessliche Vorstellung geworden, hätte er in der Rolle des Cavaradossi gesungen. Doch Orchester, Sopran und Bariton haben in dieser Aufführung sehr viel wett gemacht, was an anderer Stelle leider zu kurz kam.

 

 

Und auch die Inszenierung selbst war ausgesprochen meisterlich. Modern, aber sehr transparent in der Interpretation hat sich Pierre Audi darum verdient gemacht. Gleich im ersten Akt dient ein überdimensionales Kreuz als Podium für den Adel und die Kirche, was auch den Status des Polizeidirektors Scarpia im Verhältnis zum Klerus, dem Bürgertum, repräsentiert durch Tosca und Cavaradossi, klar herausstellen soll. Mächtig und über allem stehend, kann er schalten und walten und sich die Menschen, die ihm rangunterlegen sind, gefügig machen.

 

Im zweiten und letzten Akt hängt genau dieses Kruzifix drohend und omnipräsent über der Bühne. Fast schwebt es dort wie ein Damoklesschwert, das jederzeit krachend zu Boden fallen könnte. Vor Gott sind wir alle gleich, soll es wohl ausdrücken. Und so ist es schließlich auch, denn das Schicksal macht vor niemanden halt, nicht vor Scarpia, der sein verdientes Ende findet, nicht vor Cavaradossi und Tosca, die andererseits wirklich ein besseres Ende verdient hätten. Aber so ist das Leben und das Schicksal kann sich keiner aussuchen.

 

Ein wundervoller Opernabend geht zu Ende, gelungen und nur noch getoppt durch das nette Zusammentreffen am Bühneneingang mit der Hauptakteurin des Abends: Floria Tosca alias Elena Stikhina. Vielleicht die nächste Anna Netrebko. Fast so schön hat sie zumindest in meinen Augen gesungen.

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