06.DEZEMBER 2019



ENTHÄLT UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

die morbide magie der "toten stadt"

Programmheft der Bayerischen Staatsoper
Programmheft der Bayerischen Staatsoper

worum geht es?

 

Ein geliebter Mensch stirbt und von jetzt auf gleich bricht eine Welt zusammen. In Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ durchlebt der Protagonist Paul eine Odyssee der Trauer und des inneren Leids. In sich gekehrt verbarrikadiert sich Paul in seinen selbst geschaffenen Traumgespinsten, in denen er immer noch seiner toten Frau Marie nachhängt.

 

Alles in seinen vier Wänden erinnert an die Verstorbene und atmet förmlich aus sämtlichen Ritzen nach ihr auf. Als Marietta, eine Tänzerin aus Brügge, plötzlich in Paul´s Leben tritt, nimmt das unausweichliche seelische Drama seinen Lauf. Paul verliebt sich in das frappierende Ebenbild seiner verstorbenen Gattin, das Marietta so eindeutig verkörpert. Er ist fasziniert, verwirrt und gefangen in dem Glauben, dass Marie in Marietta wieder zum Leben erwacht ist.

 

Hin und hergerissen zwischen den beiden konträren Welten, der Illusion und der Realität, lebt Paul mit Marietta eine leidenschaftliche Beziehung, die zwangsläufig, früher oder später, wie ein fragiles Kartenhaus in sich zusammenbrechen muss. Mariettas Eifersucht auf die Omnipräsenz der Toten, die sich immer und immer wieder zwischen die Liebenden drängt, gerät letztendlich völlig außer Kontrolle.

 

Sie konfrontiert Paul, indem sie sein illusorisches Konstrukt mit der schonungslosen Wahrheit zerschmettert, bis er schließlich nicht mehr anders kann, als zu begreifen, dass Marietta niemals Marie war. Verzweiflung, Zorn, Hass und ein unausweichliches Gefühl der seelischen Ohnmacht, lassen Paul keine andere Wahl als Marietta in blinder Manie zu töten.

 

 

Doch dann erwacht er aus seinem Albtraum und muss verwundert feststellen, dass es Marietta nie gegeben hat, nur das Phantom, dass er sich in seiner Gedankenwelt erschuf, um mit der Verarbeitung seiner Trauer besser zurechtzukommen und am Ende dem Leben wieder hoffnungsvoll begegnen zu können.

Facettenreicher Hochgenuss - musikalisch, darstellerisch und szenisch!

 

Als ich am heutigen Abend in der Münchner Staatsoper in das musikalische Werk von Erich Wolfgang Korngold eintauche, weiß ich nicht, wohin ich mit meinen Gefühlen soll. Diese Oper, die der Gattung der spätromantischen Klassik zuzuordnen ist, hat so viel Ausdruckskraft, so viel elektrisierende Energie, so viel überbordenden Seelenschmerz und zugleich so viel schonungslose Endgültigkeit in ihrer absolutesten Form, dass ich innerlich mehrere Schritte vor dieser schwer zu verdauenden musikalischen Kost zurücktreten muss.

 

Es ist das Thema, das schlaucht, es ist der Tod, der in all seinen musikalischen Facetten auseinandergerupft wird. Es ist tatsächlich die außerordentlich gelungene tonale Verarbeitung eines Tabus, das die Extreme und die Monotonie der Klangfarben der menschlichen Gefühlswelt auf den Punkt genau trifft.

Positiv überraschend ist die Tatsache, dass man Korngolds Meisterwerk nicht im Geringsten in die kompositorische Schublade eines Schönbergs oder Bergs stecken kann. Es scheint seinen ganz eigenen, fast eigensinnigen musikalischen Charakter zu versprühen, der stark von der Orchestrierungstechnik eines Richard Strauss geprägt ist und sich versiert der Chromatik und der Leitmotiv-Technik bedient. Selbst Anklänge des Verismo sind deutlich in der „Toten Stadt“ zu vernehmen.


Daher scheint es auch kaum verwunderlich, dass das Dirigat höchst anspruchsvoll und herausfordernd ist. Ein für das „Leihengehör“ schier wirres tonales Durcheinander, das sich im Miteinander wieder punktgenau in den herrlichsten Eufonien auflöst. Dafür sorgt schon der gut geführte Taktstock von Kirill Petrenko, der auch wenn es nicht danach aussehen mag, sämtliche Einsätze virtuos unter Kontrolle hat.

 

 

Gesanglich ufert das Arienrepertoire ebenfalls zu einem Marathon der außerordentlichen Höhen und Tiefen aus. Der Ambitus beider Gesangsinterpreten ist stellenweise enorm groß und schraubt sich gesanglich scheinbar in so schwindelerregende Grenzbereiche, dass ich mich frage, ob man diesen körperlichen Kraftakt, den das Singen der Korngold-Arien erfordert, so ganze geschlagene drei Stunden durchhalten kann, zumal auch die tänzerischen und darstellerischen Einlagen den Künstlern eine gehörige Portion sportive Fitness abverlangt.

 

Ich löse mich bereits im ersten Akt vollends in dieser traurigen, aber unglaublich beseelten Gefühlslandschaft aus klanglicher Entrücktheit auf. Jonas Kaufmann und Marlies Petersen tauchen vollends in ihren Rollen als Paul und Marietta ab und scheinen die absolut perfekte Ergänzung füreinander zu sein: gesanglich wie auch darstellerisch.


Als Jonas Kaufmann die Arie: „Glück das mir verblieb“ zum Besten gibt, rührt es mich innerlich zum ersten Mal so richtig. Meine Barriere, die dem unangenehmen Thema Tod und den damit verbundenen schmerzhaften Gefühlen trotzt, bröckelt ganz langsam aber stetig, bis sie vollends in sich zusammenbricht, so zart berührt die verismogleiche Melodik und der Schöngesang Kaufmanns meine Seele.


Im Duett vorgetragen, entfaltet und potenziert sich die Wirkung sogar noch. So tieftraurig und verklärt, so entrückt schön, fast verzaubernd, nicht wirklich von dieser Welt, das ist die Musik Korngolds, und genau das macht die morbide Magie „der toten Stadt“ aus.

 

Eine Inszenierung ganz nah an der Realität

 

Simon Stone, der dieses Meisterwerk gelungen inszeniert hat, macht uns den Zugang zum Universum der Trauernden leicht. Ein Haus, vier Wände, Möbel, Erinnerungen und ein kleines abgedunkeltes Zimmer, das wie ein heiliger Schrein mit Fotografien zutapeziert ist und ein Sammelsurium an Erinnerungsstücken birgt. Es ist eindeutig, dass Paul so nicht anders kann als um diesen geschützten Kokon aus Erinnerungen sein Leben zu organisieren. Und damit findet es nur noch im Inneren, nicht mehr im Äußeren statt. Das wirkliche, echte Leben ist irgendwo fern, ganz weit draußen und absolut unerreichbar für Paul geworden, der sich in der Sicherheit seines Zuhauses verschanzt und richtiggehend verkapselt.


Erst als Marietta so völlig unbedarft in diesen Kokon eindringt, mit ihrer vor Lebensfreude sprudelnden Art, wird in Paul zwangsweise der Verarbeitungsprozess der Trauer angestoßen. Langsam zwar und in Phasen, aber zumindest peu à peu. Doch die Überwindung der Trauer ist eine innere Zerreißprobe für Paul. Alle Mechanismen, die auf Verdrängung und Unterdrückung seiner Trauer ausgerichtet sind, werden aktiviert und bleiben nur solange aufrecht erhalten, bis Paul´s Psyche endgültig kollabiert. Erst nach dem totalen Zusammenbruch findet für Paul eine 180 Grad Wendung hin zum Leben statt.

 

Mit der Schlussarie, die Jonas Kaufmann voll beseelter Entrücktheit singt, wird offensichtlich, dass der Tod und die Trauer, die Paul so lange gefangen hielten, langsam aus dem Bewusstsein verschwinden. Die Farben des Lebens dringen wieder an die Oberfläche und bahnen sich einen Weg zurück in die erstarrte menschliche Seele. Ich bin ganz still, will das Wunder verstehen, die Magie des Augenblicks greifen. Mit dem letzten Ton, der verklingt, wird geklatscht. Doch meine Hände halten still. Es geht nicht anders. Diese Oper kann man nicht beklatschen, nicht bejubeln, denn sie lebt von dem Moment der aufrichtigen Stille.

 


Details


Bayerische Staatsoper

Max-Joseph-Platz 2

80539 München

 

Programmdetails für die neue Saison 2020/2021

Website: www.staatsoper.de

 


oper für alle - 2020


Live-Übertragung von DIE TOTE STADT am 19. Juli 2020 um 19:00 Uhr

aus dem Nationaltheater auf den Max-Joseph Platz.

 

Musikalische Leitung: Kirill Petrenko

Inszenierung: Simon Stone

Mit Jonas Kaufmann, Marlis Petersen, Andrzej Filonczyk und Jennifer Johnston

 

Kommentare: 0