10. JULI 2019



Ein Tenor wird 50

 

Als ich Jonas Kaufmann das erste Mal im Mai 2017 in der Hamburger Elbphilarmonie hörte, war ich irgendwie schwer enttäuscht. Der weltbeste Tenor gab zusammen mit seinem Liedbegleiter Helmut Deutsch einen intimen Liederabend. Ich hatte mit knapper Not nur wenige Tage zuvor noch einen Podiumsplatz ergattern können. Das Konzerthaus war restlos bis auf den letzten Stuhl ausverkauft. Schließlich sang ja auch nicht irgendjemand, sondern Herr Kaufmann höchstpersönlich! Doch hochgelobter und stark bejubelter Gesangsprophet ließ mein Herz an diesem Abend leider nicht schmelzen. Lag es an der Akustik des Saales? Lag es daran, dass ich einen Sitzplatz hinter dem Interpreten hatte? Lag es womöglich aber doch eher daran, dass die stimmliche Leistung von Herrn Kaufmann maßlos überschätzt wurde? Ich konnte den Sachverhalt nicht wirklich einordnen, hatte aber bereits gedanklich damit abgeschlossen für diesen Künstler weiter zu schwärmen. 

 

Eigentlich wollte ich auch gar kein weiteres seiner Konzerte mehr besuchen, wäre da nicht noch das Ticket für einen Arienabend in Amsterdam gewesen, das ich mir in weiser Voraussicht wenige Wochen zuvor noch gekauft hatte. Schließlich musste ich doch damit rechnen, dass ich mir mit der Elbphilarmonie keine Option offen hielt. Nun stand ich da und wußte nicht, was ich mit meiner Konzertkarte für Amsterdam tun sollte. 

 

Da mein letzter Besuch der holländischen Stadt mehr als 20 Jahre zurück lag und ich mich kaum an das Venedig des Nordens erinnern konnte, gab ich mir einen Ruck und trat meine Reise ins verlängerte Wochenendabenteuer an. Sightseeing, neue Eindrücke sammeln, das herrliche Wetter genießen. Das ganze Programm wollte ich abrocken. Dabei schien das Konzert nur noch zweitrangig und rückte in der Wichtigkeit und auf meiner Prioritätenliste erstmal ganz weit nach unten. Ich würde dieses Konzert einfach mitnehmen. Es würde eines von vielen Konzerten sein, das ich jemals besucht hätte. Wahrscheinlich bliebe es sogar ganz ohne Bedeutung.

 

Doch das Gegenteil war der Fall. Kaum das ich mich versah, änderte dieser Abend nicht nur den Verlauf der folgenden Monate, sondern in gewisser Weise auch mein Leben. Ich sollte nun fortan regelmäßig, fast jeden Monat, einem Konzert oder einer Opernaufführung Herrn Kaufmanns beiwohnen. Geplant hatte ich all das nicht. Gewollt hatte ich es noch weniger. Denn wer reist schon einem Künstler, auch wenn er noch so gut singt, in der Welt hinterher? Unsinnig kam mir allein der Gedanke daran vor. Millionen von klassischen Musikliebhabern, die eine nicht unwesentliche Summe an Geld in die Hand nahmen, um einem einzigen Gesangsinterpreten hinterherzureisen. Wie abstrus war das denn!

 

Bühneneingang Amsterdam 2017 / Privataufnahme - Bildrechte liegen bei Nicole Hacke
Bühneneingang Amsterdam 2017 / Privataufnahme - Bildrechte liegen bei Nicole Hacke

 

Noch weniger war ich in der Lage zu verstehen, warum ich, die sonst so rational Denkende und situativ Abwägende, so urplötzlich irrationale Züge aufwies und aus dem Bauch heraus Entscheidungen traf, die deutlich gefühlslastig und nicht mehr mit dem Verstand zu erklären waren. Ich war süchtig nach der Stimme von Jonas Kaufmann. Und nicht nur das. Mein Herz und meine Seele waren so verliebt in diese einzigartige sonore Tenorstimme, dass ich mich diesem klanglichem Zauber nicht mehr entziehen konnte.

 

Also folgte ich Herrn Kaufmann, zusammen mit unzähligen anderen enthusiastischen Anhängern, wie selbstverständlich, von einer europäischen Stadt in die andere. Das tat ich im letzten Jahr und das tue ich bis zum heutigen Tag noch immer und ernte vor allem recht viele Kopfschüttler von engen Freunden und Verwandten, die es einfach nicht besser wissen und die meine überbordende Leidenschaft für die Musik etwas befremdlich finden. Mir ist das schnurzpipegal. Ich bereue nicht einen einzigen Tag, denn ich habe im Laufe der Zeit durch die vielen unzähligen Konzertbesuche, gleichgesinnte Freundschaften knüpfen können, die auf einem der stärksten Fundamente gewachsen sind: die gemeinsame Leidenschaft zur Musik!

 

Ja! Tatsächlich. Wäre Herr Kaufmann nicht gewesen, hätte es das Ticket für Amsterdam nicht gegeben, wäre ich jetzt um mehrere unbezahlbare Reichtümer in meinem Leben ärmer. Viel zu lange war mir der Weg zur klassischen Musik versperrt geblieben. Ich hatte über zwei Jahrzehnte selbst keinen Zugang mehr zur klassischen Musik, obgleich ich sie doch so sehr liebte. Alltag, Routine und Stress hatten mir in meinem Leben den Blick auf das Schöne, auf das reine Wesen dieser Musikgattung getrübt. Was Jonas Kaufmann mitlerweile mit seinem Gesang bei mir wieder erweckt hat, grenzt an ein kleines Wunder.

 

Der größte Tenor der Welt ist er zurecht. Und nicht nur das. Jonas Kaufmann ist eine Persönlichkeit, die wahre, echte Gefühle über die Stimme transportieren kann und das mit einer Glaubhaftigkeit und einer Wahnsinnsaustrahlung, die ihresgleichen sucht!

 

Jedes Mal, wenn ich einer Opernaufführung oder einem Konzert beiwohne, in dem Jonas Kaufmann mitwirkt, bin ich gefangen, verzaubert und in die musikalischen Darbietung vollends versunken.

Nichts zählt mehr, nichts anderes ist in diesen Augenblicken wichtig. Die Musik ist die alleinige Kraft, die Magie, der Schlüssel zu allem, was glückselig macht. Und immer fiebere ich bei den Vorstellungen ein bisschen mit, sowohl bei den hohen Tönen als auch bei den extrem exponierten gesanglichen Passagen, die immer zu einem sportlichen Kraftakt werden. Ich möchte manchmal einfach nur lauthals jubeln, wenn Jonas Kaufmann die Messlatte immer noch höher legt und sich gesanglich immer wieder selbst übertrifft. Doch ich halte inne, bleibe still und köchele meine Gefühle während der Aufführung auf Sparrflamme. Erst wenn der Vorhang fällt und der letzte Ton verklungen ist, dann applaudiere ich, was das Zeug hält, solange bis ich mir fast die Finger wund geklatscht habe. Und dann brülle ich mir beinahe selbst noch die eigene Stimme aus dem Leib. Bravo, bravo, Bravissimo! Immer wieder rufe ich, ja, schreie ich es direkt in Richtung Bühne, hoffend, dass die große Wertschätzung und Dankbarkeit, die ich empfinde, ihr Ziel nicht verfehlen. 

 

Jonas Kaufmann ist wahrhaft ein Jahrhunderttenor, ein Opernsänger mit Alleinstellungsmerkmal. Einzigartig, großartig, in Superlativen nicht zu übertreffen und vor allem ein Mensch, der mit seinem Gesang Millionen und Abermillionen von Seelen berührt, einfach so! 

 

Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch, Jonas Kaufmann!

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