07. MAI 2019



Abends, wenn die Lichter Glüh´n...

"Abends, wenn die Lichter glüh´n...", so heißt ein alter Gassenhauer aus den 20iger Jahren. Er besingt das Alleinsein in der Großstadt, verbunden mit der ewigen Sehnsucht nach Liebe. Ich suche sie zwar nicht mehr, habe ich sie doch schon längst gefunden. Nur was kann schöner sein, als sich auf musikalische Weise diesem wundervollen Thema immer wieder anzunähern. Aus diesem Grund bin ich heute Abend, ebenfalls alleine, unterwegs zum Admiralspalast, um mir den fantastischen Max Raabe und sein Palastorchester zum ersten Mal Live anzuhören.

 

 

Der perfekte Moment...wird heut verpennt,  so der Titel aus dem gleichnamigen Album, das musikalischer Aufhänger der aktuellen Max Raabe -Tour ist. Ich freue mich schon sehr auf dieses Programm und bin darüber hinaus voller Erwartung, die Pop Hits der 20iger und 30iger Jahre zu hören, die ganz sicher den heutigen Abend bestens füllen und abrunden werden. Auf dem Weg von der Oranienburger Straße, die von unzähligen schönen Restaurants gesäumt ist, biege ich auf die Friedrichstraße ab und befinde mich im Vergnügungsviertel Berlins schlechthin. Ich laufe am Friedrichspalast vorbei, der gerade eine Revue präsentiert, in der kein anderer als Philip Tracey verantwortlich für die feine, exzentrische Kopfbedeckung zeichnet. Wie herrlich, denke ich. Fast vergesse ich, was ich vor hatte, denn einem unterhaltsamen Abend im Friedrichspalast wäre ich gerade auch nicht abgeneigt. Nun gut! Flinken Schrittes geht es weiter über die Spreebrücke. Danach bin ich in wenigen Minuten bereits am Admiralspalast angelangt und staune!

 

 

Rot angeleuchtet, erinnert mich das Ganze tatsächlich etwas an den Glanz und Glamour der 20iger Jahre. Es fehlt jetzt nur noch die Leuchtreklame, die Herrn Raabe in den schillernsten aller Farben ankündigt. Dann wäre es perfekt. Na ja, nicht ganz. Mir fehlt der Federschmuck am Kopf, ich trage meine Haare leider nicht zum kurzen Bob und das passende Pailettenkleidchen hab ich heute auch nicht an. Egal! Im Konzertsaal schaue ich mich fasziniert um. Ich befinde mich in einem kleinen, aber feinen Theater, das mit seinen roten samtbezogenen Stühlen und vergoldeten Ornamenten an den Balkonbrüstungen einem Opernhaus in abgespeckter Form gleicht. In der siebten Reihe, Parkett warte ich gespannt darauf, dass es endlich los geht.

 

Und dann kommt er, der Star des Abends: Max Raabe! So, als ob er direkt aus der Vergangenheit in unsere heutige Zeit gebeamt  worden wäre, steht er auf der Bühne und versprüht so viel Eleganz und Leichtigkeit, wie kaum ein anderer Künstler dieser Zeit. Und das, obwohl Herr Raabe sich beim Singen kaum wirklich bewegt. Angewachsen, wie ein Baum, steht er fast steif vor seinem Mikrofon und bezirzt sein Publikum lediglich mit seinem wunderbaren Mienenspiel und dem so unvergleichlichen Augenaufschlag. Ich merke, dass ich ein wenig schwach werde bei diesem charmanten Anblick. Seine ganze Performance ist so reduziert auf das Singen und das mimische Kokettieren, dass mein Blick, wie Kaugummi, an Herrn Raabe haftet.

 

 

Ich bin definitv schwer beeindruckt, denn das stimmige Gesamtbild wird durch die musikalische Perfektion des Orchesters und des Sängers formvollendet. Anders als beim lauten Aufdrehen meiner Stereoanlage, höre ich den Big Band Sound Live nicht heraus. Dazu muss man wissen, dass das Palastorchester keine Big Band im amerikanischen Sinne ist, sondern eben einem Tanzorchester der 20iger Jahre gleich kommt. Und so ist es auch gedacht. Mit geistreichem Witz und einer verschmitzten Portion Charme wird nach fast jeder Gesangseinlage der nächste Titel wortgewandt angekündigt - und das Publikum, ja, es lacht, immer öfter und immer enthemmter. Der trockene Humor, den Herr Raabe an den Tag legt, ist einmalig, so einmalig, wie die Texte seiner neuen Liedauswahl.

 

 

So geht es den ganzen Abend lang weiter. Ein alter Schlager nach dem anderen, zwischendrin ein neuer Song, spritzig und humorvoll angekündigt und danach, weil man es so gerne hört, wieder ein herrlicher Gassenhauer von damals. Nach dem letzten Lied gibt es tosenden Beifall. Die Berliner sind nicht zu bremsen und Herr Raabe kann nicht anders, als noch drei weitere Zugaben zum Besten zu geben. Danach ist Schluss. Recht konsequent verlässt er mit seinem Palastorchester die Bühne, ohne allerdings vorher nicht doch noch mal anzumerken, dass es keiner weniger bedauere, diesen Abend beenden zu müssen, als er selbst. Ich bin beglückt und selig. Dieses Konzert war ein Traum. Beschwingt ziehe ich von dannen und summe beim nach Hause gehen ganz leise vor mich hin: " Abends, wenn die Lichter glüh´n und tausend Wünsche im Verborg´nen blüh´n, dann bin ich in der großen Stadt so allein, so ganz allein und einsam!" Alleine bin ich tatsächlich, aber einsam - niemals. Denn mit der gehörigen Portion Musik im Herzen ist man das nie! Und wo ist, bitte schön, jetzt die nächste Tanzbar? Ich hätte noch Lust auf einen Charleston!

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